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Schaumbläschen von Seifenlösung

Vor einigen Jahren erhielten wir als Leihgabe aus einem Polizeimuseum eine Flasche mit einer gelblichen Flüssigkeit. Was für eine Flüssigkeit war das? Der Leihgeber erlaubte uns, eine Probe zu entnehmen. Gar nicht notwendig – einmal Schütteln reichte aus: Wie die spontane Schaumbildung zeigte, handelte es sich um Seifenlauge – ein früher sehr gebräuchliches Abtreibungsmittel.

Und genau die kleinen Schaumbläschen, die uns sofort Aufschluss über den Inhalt der Flasche gaben, wurden vielen Frauen zum Verhängnis! Denn diese Luft wird bei energischen Spülungen per Schlauch oder Katheter in den Blutkreislauf gepresst, wo sie Herz und Gefäße verstopft. Die medizinische Literatur ist voll von Berichten über solcherart zu Tode gekommenen Frauen. Gerade noch glimpflich ging der Abtreibungsversuch für eine Zwanzigjährige aus, über den im Jahr 1921 das Zentralblatt für Gynäkologie berichtete:

Im dritten Schwangerschaftsmonat hatte sie „seit einer Woche täglich Spülungen gemacht ... wozu sie einen ca. 150 ccm fassenden Gummiballon benutzte, der ein starres gerades Ansatzrohr von etwa 12 cm Länge aufwies. Da bislang der gewünschte Erfolg ausblieb, wiederholte sie am Tage der Aufnahme dasselbe Manöver mit Beihilfe ihres Verlobten in etwas energischerer Weise, wie sie selbst zugab. Es wurde Seifenwasserlösung verwendet ... Alsbald verspürte die Patientin heftigste Schmerzen, es trat sofort Blutung auf; sehr bald stellten sich Lufthunger und eine ziemlich lang dauernde Bewusstlosigkeit ein, während welcher die Patientin am ganzen Körper ausgesprochen blau ausgesehen haben soll.“

Dank rechtzeitiger Spitalsbehandlung und viel Glück überlebte die junge Frau, die Schwangerschaft ging ab. Es stellte sich heraus, dass das Spülrohr durch den Gebärmutterhals bis in die Blase gedrungen war. Außerdem war bei der Verwendung der Ballonspritze Luft in die eröffneten Venen von Gebärmutter und Blase gepresst worden. Bei der Patientin war die Luft glücklicherweise nicht bis zum Herzen gekommen, das dann gewissermassen ‚leer’ pumpt und pumpt. Stattdessen hatte sie ‚nur’ Lufthunger, Bewusstlosigkeit und Kreislaufstörungen erlitten. Viele andere Frauen starben nach ähnlichen Zwischenfällen.

Seife wurde häufig als Abtreibungsmittel benützt, weil sie empfindliche Körpergewebe auflöst und so zu einem Ausstoßen der Frucht führen kann.

 

Richard Hornung (Universitäts-Frauenklinik Kiel), Ein Fall von kriminellem Abort mit bemerkenswerten Komplikationen, Zentralblatt für Gynäkologie, Nr. 15, S 535-539, 1921