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Vicki Baum: stud. chem. Helene Willfüer (1956)

Aber die kranke Frau, die auf dunkle Weise versucht hat, ihre sechste Schwangerschaft zu unterbrechen, und die ganz müde und zufrieden und ausgeblutet daliegt, de möchte lieber sterben. Sie hat es ausdrücklich und mit letzter Kraft der Schwester versichert, und es ist beinahe eine Grausamkeit, daß ein Assistenzarzt versuchen will, eine Bluttransfusion an ihr auszuführen.

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…, „soll ich Ihnen sagen wie viele Mütter zugrunde gehen bei dem Versuch, sich ihrer Kinder zu entledigen? Und wie sie zugrunde gehen, Frau Schmidt, wie, in welcher furchtbaren Weise?
„Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen“, antwortete Helene leise. …
…“Ich kann kein Kind bekommen. Für mich ist es unmöglich. … Ich habe nicht die Zeit, nicht das Geld, nicht die leiseste Möglichkeit, ein Kind zur Welt zu bringen, ein Kind zu erhalten, zu erziehen. …“…
… „Immer der gleiche Jammer, jeden Tag der gleiche Jammer. Bei Ihnen kommt’s von der einen Seite und bei den anderen von woanders. Ich kann nicht helfen, ich darf nicht helfen. Ich muß diese armen Weiber wegschicken, die fünf und sechs und sieben Kinder haben und vor Elend nicht aus und ein wissen. Ich – wenn es nach mir ginge! Da wäre bei den Wohlfahrtseinrichtungen längst eine, in der der Kindersegen offiziell geregelt würde. Aber bis dahin ist’s weit. Und wir haben unseren ominösen Paragraphen. Sie studieren. Auch ich habe studiert, o ja, ich weiß gut, wie schwer man es hat. Können Sie wirklich von mir verlangen, daß ich meine ganze Existenz aufs Spiel setze? Ich kann es nicht. Frau Schmidt, ich darf und kann es nicht. Und ich kann Sie nur aus aller Kraft davor warnen, sich Pfuschern anzuvertrauen. Ich sehe täglich zu viel Elend dieser Art. …“…

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… Frau Friedrichs, emer. Hebamme, wie das Schild mit kleinen Einschränkung besagte, weit draußen, Mauererstraße fünfzehn. … Ja. Frau Friedrichs verspricht Abhilfe. … Fräulein Willfüer – oder vielmehr Fräulein Schmidt, wie sie hier heißt – bezahlt zunächst einmal hundert Mark, dann bezieht sie ein Zimmer bei der Hebamme, und am nächsten Morgen soll der kleine Eingriff vorgenommen werden. …

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… Im Vorflur brennt jetzt die Beleuchtung, ein Herr, den Helene noch nicht gesehen hat, öffnet.
„Was wünschen Sie?“ fragt er und mustert sie.
„Ich möchte zu Frau Friedrichs.“
„Sind Sie bei Frau Friedichs in Behandlung?“ fragt er, sieht Helenes aufrechte und ermattete Gestalt an, ihre Handschuhe, ihren Koffer.
„Nein – noch nicht – „, sagt Helene, ohne recht um ihre Antwort zu wissen.
„Dann kann ich Ihnen nur raten, sofort wieder umzukehren. Ich bin Arzt – Doktor Hartmann mein Name. Es ist hier etwas Böses passiert. Die Polizei wird gleich hier sein. Ich halte es für überflüssig, daß noch mehr Personen in diese Geschichte verwickelt werden. Haben Sie in der Wohnung Gegenstände, die Ihnen gehören?“
„Nein –"
„Dann ist ja alles in Ordnung. Danken Sie mir und Ihrem Herrgott, wenn Sie hier mit heiler Haut davonkommen. Gute Nacht.“

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„Sie standen mit einem mehrmals vorbestraften Subjekt Rauner in Verbindung!“ sagte er. „Geben Sie das zu?“
„Ja. Ich habe ihn einmal aufgesucht“, sagte Helene leise und erschreckt.
„Hat er einen verbotenen Eingriff an Ihnen vorgenommen?“
„Nein.“