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„... weil seufzende Aggression immer am schlimmsten...“

„Jeder kennt heute die regulären Zusammenhänge zwischen dem Sexuellen und dem menschlichen Leben, wo man im Allgemeinen sagt, das eine entsteht, weil man das andere getan hat, quasi ursächlicher Zusammenhang.“ (Seite 154)

Da offenbar doch nicht jeder diesen ursächlichen Zusammenhang kennt, wird eine Wiener Abtreibungsklinik zum Schauplatz für den neuen Krimi ‚Der Brenner und der liebe Gott’ von Wolf Haas. Dass er dazu im und vor dem Ambulatorium am Fleischmarkt recherchiert hat, ist dem Leser schnell klar. 

Die Klinikleiterin Frau Doktor Kressdorf wird von Sebastian Knoll, dem Chef der Organisation Proleben, mit allen Mitteln bekämpft: „... in letzter Zeit viele Probleme mit den Betschwestern vor dem Haus, sprich Demonstranten. Die sind gegen Abtreibungen gewesen, weil das war eben ihre Überzeugung, es soll nicht sein, tausend Gründe, der liebe Gott, die Jungfrau Maria und und und.“ 

„... die Proleben hat nach und nach die Wohnungen rund um die Etagenklinik aufgekauft, und natürlich große Frage, woher haben die so viel Geld. Und seit die Proleben Mehrheitseigentümerin im Haus war und mit allen Mitteln versucht hat, den Mietvertrag der Klinik zu kündigen, haben sich die Stromausfälle so gehäuft...“ (Seite 17)

Mangels gesetzlich festgeschriebener Schutzzone „stehen die KampfbeterInnen vor der Klinik Spalier“ und belästigen Personal und Patientinnen. Die Klinik greift zur Selbsthilfe: „Du musst Dir das so vorstellen: Rechts vom Eingang ist ein rosenkranzbetender Abtreibungsgegner mit dem Embryobild gestanden und links vom Eingang eine stiernackige Frau mit Rasenmäherfrisur vom Sicherheitsdienst, quasi Gleichgewicht des Schreckens.“ (Seite 17)

Als die zweijährige Tochter der Ärztin entführt wird, fällt der Verdacht sofort auf Knoll als Drahtzieher: „... (er) hat damals ... im Streit einmal zur Frau Doktor gesagt, sie soll gut auf ihr eigenes Kind aufpassen. Nicht dass der liebe Gott ihr eigenes Kind auch einmal zum Verschwinden bringt wie all die Kinder, die sie dem lieben Gott wegnimmt.“ (Seite 52)

Aber man kann ihm gar nichts nachweisen: „Der Knoll hat sich ja nicht selber auf die Straße gestellt und eigenhändig versucht, Patientinnen am Betreten der Klinik zu hindern. So etwas macht man ja nie selber! ... Der Knoll hat genug Betschwestern gehabt, die den ganzen Tag mit einem verzückten Gesichtsausdruck vor dem Eingang gestanden sind und das Embryofoto mit der Aufschrift ‚Mord’ in die Luft gehalten haben.“ (Seite 51)

Bei den Ermittlungen im Entführungsfall findet die Polizei versteckte Kameras, mit denen Knoll die Geschehnisse in der Klinik beobachtet und Material für Erpressungen sammelt. (Seite 92) Mehr soll hier nicht erzählt werden. Wolf-Haas-Fans werden wieder auf ihre Rechnung kommen.

Haas hat gut recherchiert und zeichnet die Belagerungssituation der Klinik wirklichkeitsnahe nach. Lediglich ein einziger Fehler ist anzumerken, der für den Fortgang des Geschehens zwar nicht relevant ist, aber vom Leser nicht falsch ‚gelernt’ werden soll: Das Zeitfenster der Fristenlösung gilt nicht für Minderjährige. Eine späte Abtreibung bei einer Jugendlichen ist kein Gesetzesbruch und bietet daher keinen Grund für eine Erpressung. Dass Frau Doktor Kressdorf das nicht gewusst hätte, ist unwahrscheinlich.


Wolf Haas: Brenner und der liebe Gott. Hoffmann und Campe, 2009. ISBN 978-3-455-40189-9